Tech 22.06.2015 - 10:00 Uhr

Die Apple Watch 
im Alltagstest

Ich bin eigentlich kein großer Uhrenträger. Seit der Ankündigung der Apple Watch spielte ich dennoch mit dem Gedanken, es wieder einmal mit einer Uhr zu probieren. Vor kurzem bekam ich bei basilicom die Chance, diese Uhr zu testen. Dies hier ist meine Meinung zu Apples neustem Hardwarestück.

Schwuppdiwupp! Es ist eingerichtet. Oder auch nicht.

Die Kopplung mit meinem iPhone 6 war schnell und unkompliziert. So wie man es von Apple kennt. Danach starrte ich aber erst einmal die Uhr an und wusste nicht, was man nun damit machen soll. Mithilfe der iPhone-App kann man zahlreiche Einstellungen vornehmen: Von welcher App sollen Notifications auch auf der Uhr gezeigt werden, von welcher App sollen “Checks” (“Glances” im Englischen) verfügbar sein und so weiter. Um alle Details einzustellen, kann man schon ein paar Minuten oder mehr verbringen. Oder man aktiviert einfach alles und probiert es aus. Häufig justiert man später sowieso noch einmal nach. Weil man merkt, dass der Check von der einen App wenig sinnvoll und praktisch ist. Oder dass man die Benachrichtigungen einer App auf der Uhr eigentlich nicht braucht.

Wie?! Das ist alles? Dafür habe ich jetzt so lange gewartet?!

Die Apps sind im Moment für mich auch das größte Problem der Apple Watch: Es gibt zwar viele Apps für die Uhr, aber die Fähigkeiten sind häufig stark limitiert. Diese Einschränkungen gehen bei manchen Anwendungen soweit, dass ich deren generelle Existenz infrage stelle, weil diese keinerlei Mehrwert für den Benutzer bieten: Nachrichten-Apps, die bestenfalls nur für die Eilmeldungen taugen, weil die Artikel auf einen Absatz gekürzt werden. Danach müsste man das iPhone herausholen, die Nachrichten-App öffnen und den Artikel dort noch einmal suchen, wenn man alle Informationen erfahren möchte. Natürlich stellt sich sowieso die Frage, ob man überhaupt Nachrichten auf dem kleinen Display der Uhr lesen möchte?

Die begrenzten Funktionen der Apps resultieren daraus, dass die Anwendungen nicht nativ auf der Uhr laufen, sondern die ganze Logik auf dem iPhone passiert. Das iPhone muss immer in Reichweite sein und ist es nicht mit der Uhr verbunden, funktionieren die Apps von Drittherstellern nicht. Die meisten Anwendungen von Apple hingegen bestreiten auch ohne das Telefon ihren Dienst. Dieser 2-Klassenunterschied wird sich erst im Herbst ändern, wenn das Betriebssystem der Uhr in Version 2 die Unterstützung für “native apps” mitbringt. Das bestätigte Apple auf der vor kurzem zu Ende gegangenen WWDC. Dann werden die Apps direkt auf der Uhr laufen.

Bis dahin muss man sich als Uhrenträger gedulden. Wortwörtlich. Denn viele Apps leiden neben Sinnmangel auch unter langen Ladezeiten, so dass es stellenweise wenig Spaß macht, mit den Anwendungen zu interagieren. Häufig muss man warten, bis die Daten vom iPhone auf die Uhr gelandet sind.

Wir steigern die Produktivität!

Dennoch gefiel es mir, die Uhr zu tragen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich auf die Uhr an meinem Handgelenk schaute. Es ist so einfach und schnell, die Uhrzeit oder die Notifications zu lesen. Es ist nicht mehr nötig, das iPhone umständlich aus der Hosentasche herauszuholen. Man hebt den Arm, schaut auf die Uhr und weiß es. Die meisten Benachrichtigungen benötigen ja gar keine Interaktion oder zumindest kein sofortiges Eingreifen. So wird man nicht mehr abgelenkt als nötig. Man spielt nicht länger mit dem Telefon herum als es die Benachrichtigung verlangt. Selbstverständlich gibt es noch immer Situationen, in denen man reagieren muss. Das kann man dann entweder, je nach App, direkt auf der Apple Watch erledigen oder man schnappt sich dann doch kurz das iPhone. Das passiert mit der Uhr nun jedoch weniger häufig.

Neben der Kernfunktion einer Uhr, das Uhrzeitablesen, bietet die Apple Watch noch mehr nette Features: Man kann mit ihr telefonieren. Wenn man sein Handgelenk Richtung Mund führt und hineinspricht, fühlt man sich wie Michael Knight. Für lange Gespräche ist es nichts, aber wenn man schnell etwas klären möchte und mit verwunderten Blicken von Passanten leben kann, ist es absolut ausreichend und man muss sein Telefon nicht herausholen. Viele Sachen sind Spielereien: So kann man mit der Uhr die Kamera des iPhones auslösen oder zum Beispiel iTunes auf einem Mac fernsteuern. Andere Funktionen sind da schon praktischer und für eine Uhr passender: Mithilfe der Kalender-App sieht man direkt, welche Termine für den Tag anstehen und Benachrichtigungen für solche sind sehr angenehm am Handgelenk zu erfahren. Mithilfe der Apple Maps-App auf dem iPhone kann man sich zu einem Ziel führen lassen. Die direkten Anweisungen für die Route gibt es auf das Handgelenk. Wenn man in fremden Städten zu Fuß unterwegs ist, kann diese Funktion Gold wert sein. Neben diesen ganzen Funktionen hebt Apple ganz besonders welche hervor: Die Fitness-Funktionen.

Steh auf, los! Sei aktiv! Los!

Nach ein paar Tagen mit der Uhr am Handgelenk, bildete ich mir direkt ein, ich sei nun viel aktiver während meiner Zeit im Büro. Die Uhr zeichnet jede längere Bewegung auf, jedes Aufstehen und versucht anhand derer den Kalorienverbrauch zu ermitteln. Natürlich sind das am Ende alles mehr Fantasiewerte als wirklich wissenschaftliche. Dennoch: Wenn die Uhr vibriert und den Träger erinnert, nicht die ganze Zeit nur rumzusitzen und stattdessen doch mal aufzustehen und sich etwas zu bewegen, möchte man glatt sofort dem Rat (Befehl?) folgen – schließlich erhält man schöne Achievements für besonders gute Leistungen! Das alles sind nette “Gesundheits-Gimmicks”. Man hat nicht das Gefühl, dass dir ständig jemand mit einem ermahnenden Zeigefinger weiß machen möchte, dass du dich zu bewegen hast. Nein, es ist schon mehr etwas Spielhaftes und Nettes.

Die weiteren Fitness-Features sind zwar auch brauchbar, jedoch leider doch noch nicht so ausgereift, wie es gern dargestellt wird. Neben dem offensichtlichen Fehlen von GPS ist die Uhr auch nicht wassergeschützt. Das eigene Schwimmtraining kann man mit der Uhr also nicht festhalten – oder sollte es zumindest nicht, wenn man die Uhr danach noch weiter nutzen möchte. Da ist die Konkurrenz schon weiter. Dass Apple kein GPS-Modul in die Uhr eingebaut hat, ist sicherlich der Batterielaufzeit geschuldet. Mit GPS würde die Uhr vermutlich noch schneller leer laufen. Für ein ernsthaftes Training bedarf es allerdings der Satelliten-gestützten Ortung. Die Uhr versucht durch das Pedometer die Distanz zu ermitteln. Das kann einfach nicht so genau sein wie GPS. Bei meinen Trainingsläufen betrug die Diskrepanz zwischen Uhr und Telefon jedes Mal so zwischen 400 und 900 Metern. Für Menschen, die nur ihre ungefähre Distanz oder ihren Lauf-Pace wissen möchten, mag das ausreichend sein. Für mich genügt das aber leider nicht. Ein weiteres Manko ist auch, dass man die mit der Uhr aufgenommenen Workouts nicht exportieren kann. Vielleicht schafft Apple in Zukunft solch einen Export. Aber bis dato sind die Workouts in der Apple-App gefangen. Für mich wiegen diese beiden Gründe so schwer, dass ich bis auf weiteres weiter beim Training mein iPhone am Arm tragen werde. Der Pulsmesser ist, bedingt durch die Erfassung mithilfe von Licht, auch mehr Spielerei. Beim Training sollte man sich nicht darauf verlassen.

Das Killer-Feature ist in Ihrem Land leider nicht verfügbar!

Ein Feature der Apple Watch gibt es bisher gar nicht in Deutschland. Und wird es vermutlich auch in naher Zukunft nicht: Apple Pay! Das finde ich sehr schade, denn genau diese Funktion sehe ich als eines der Killer-Features der Uhr.

Man stelle sich nur vor, wie einfach und unkompliziert plötzlich das Shoppen und Bezahlen sein könnte: Den seitlichen Button der Uhr doppelt drücken, die Uhr nahe der Kasse halten, bestätigen – fertig! Da würde Einkaufen doch plötzlich (fast) wieder Spaß machen! Bis es in Deutschland aber soweit ist und es in den Alltag geschafft hat, müssen wir uns noch etwas gedulden. Bisher gibt es Apples unkomplizierte Bezahlmethode nur in den USA und demnächst auch in UK. Außerdem gehe ich nicht davon aus, dass der deutsche Einzelhandel dieses bargeldlose Bezahlen stürmisch empfangen wird, sobald es denn verfügbar wäre. Deutschland ist ja nicht gerade für seine Early Adopters bekannt. Leider.

Und? Bist du jetzt Uhrenträger?

Ich wurde von Freunden gefragt, was ich von der Uhr letztlich halte. Meine Antwort war immer folgende:

Das Gerät zeigt die Zukunft. Aber nicht heute. Noch nicht. Dafür ist der Funktionsumfang im Moment noch zu gering. Natürlich ist es schön, die Uhrzeit und die wichtigen Benachrichtigungen direkt am Handgelenk lesen zu können. Aber das genügt nicht. Solange die Apps an ihren begrenzten Funktionen und vor allem an langen Ladezeiten leiden, ist die Uhr nur halb so smart wie sie es als Smartwatch sein sollte. Das wird sich im Herbst allmählich ändern, wenn die Entwickler mit dem Native SDK mehr Möglichkeiten bekommen. Aber bis dahin muss man die Uhr noch mindestens 90 bis 120 Mal aufladen. Das ist ebenfalls so ein Knackpunkt. Neben dem Preis ist der Akku sicherlich ein Grund, wieso der Uhr, meiner Meinung nach, der große Durchbruch im Massenmarkt vorerst verwehrt bleibt. Menschen wie ich, technikverliebte Early Adopters, sind es gewohnt, dass man seine Gadgets am besten nachts mal auflädt. Die heutigen Uhrenträger sind es aber sicherlich nicht. Die wechseln alle paar Jubeljahre mal die Batterien ihrer Uhr. Nicht täglich. Ich bin überzeugt, dass die Laufzeit der Uhr mit jeder Version besser werden und auch der Funktionsumfang zunehmen wird. Sei es bei den Apps, bei den Fitness-Features oder Sensoren. Es braucht eben aber noch Zeit. Die Markteinführung von Apple Pay und damit das einfache Bezahlen wird für uns Deutsche vermutlich zu einem Geduldspiel.

Bin ich nun Uhrenträger geworden? Ja. Die Apple Watch macht trotz ihrer Schwächen Spaß. Sie ist optisch tatsächlich schon fast mehr ein Schmuckstück oder Accessoire als Gadget. Mir wurde während der Testphase häufiger gesagt, dass mir die Uhr steht. (Eigentlich sagten sie “eine Uhr” und bezogen sich nicht explizit auf die Apple Watch. Aber das rede ich mir gern ein.)

Werde ich mir deswegen nun eine Apple Watch kaufen oder kann ich einen Kauf empfehlen? Nein. Wer zu viel Geld hat, mit diversen Kinderkrankheiten leben kann und sich nicht stört, dass die nächste Version der Uhr besser sein wird, kann sich die Uhr natürlich jetzt schon kaufen. Ich persönlich würde aber mindestens eine weitere Version abwarten, vielleicht auch zwei. Dann ist die Uhr soweit, dass man die Zukunft am Handgelenk tragen kann.

Tops:

  • Schnellere und direktere Benachrichtigungen als beim Telefon
  • Man hat durch die Uhr das Gefühl, den Alltag nun “aktiver” zu bestreiten
  • Bereits große App-Vielfalt (wobei nicht alle sinnvoll sind)

Flops:

  • Apps von Drittanbietern laufen nur mit dem iPhone (Apple hat aber bereits die Unterstützung für native Apps ab Herbst angekündigt)
  • Apple Pay in Deutschland noch nicht verfügbar
  • Nicht wassergeschützt
  • Möchte fast täglich aufgeladen werden
Fabian Fischer
Senior Web Developer bei Basilicom